Michaeli – Fest der Freiheit

Michaeli – Fest der Freiheit

Eckehard Waldow

Obwohl es in weiten Kreisen wenig beachtet wird, ist das Michaelsfest – 29. September – unter allen Herbstfesten für den modernen Menschen heute vielleicht das wichtigste! Warum?

Der Legende nach (Kinderteil Heft 116 S.38) wollte der Engel Lucifer (Satanael) aus Neid Gott gleich werden und wurde daher vom Engel Michael im Auftrag Gottes aus dem Himmel auf die Erde geworfen, wo er heute noch wirkt: Das Urbild des Kampfes gegen das Neidische, Egozentrische, Unsoziale und Böse – das Urbild des Drachenkampfes.

Wenn der Mensch von der Steinzeit bis ins Mittelalter hinein gegen Gefahren von außen (Säbelzahntiger, wilde Wölfe) kämpfen musste, schaltete sich bei Wahrnehmung einer Bedrohung unmittelbar das Stammhirn („Reptiliengehirn“) ein, sorgte für genügend Adrenalinausstoß und gab den Impuls für Flucht oder Angriff. Heute gibt es die äußeren Gefahren in der Regel in unserem Alltag nicht mehr. Gefahrenmeldungen und das Gefühl, bedroht zu werden, sind allerdings nicht verschwunden, sondern haben sich auf die seelische Ebene verlagert! Ein Großteil unseres Adrenalinausstoßes kommt weiterhin durch Angst zustande, die aber durch ein subjektives, seelisches Sich-Bedroht-Fühlen des Unbewussten ausgelöst wird. Überlassen wir diesem Unbewussten die Führung, reagieren wir auch heute noch mit Flucht oder Aggression, weil das Reptiliengehirn sich einschaltet. Der Drache ist ein Reptil – wir überlassen dem Drachen die Führung.

Glücklicherweise hat sich die Menschheit geistig und seelisch weiterentwickelt und hat heute außer dem Stammhirn u.a. auch ein Großhirn und ein sich immer weiter erstarkendes Bewusstsein zur Verfügung – das bewusste Ich, das Gedanken und Emotionen beobachten, beurteilen und willentlich verändern kann.

Nennen wir das Unbewusste, den unbeobachteten Angstauslöser in uns den „Dämon“, den „Drachen“, dann haben wir im bewussten Beobachter und Gestalter den „Engel“, den „Herrscher“, den Drachenbesieger vor uns.

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Bereits in der Edda, dem Mythos der alten nordischen Völker, findet sich das Bild des Drachen: Niddhögr, der Drache am Fuße der Weltenesche Yggdrasil. In der Krone des Lebensbaumes sitzt der Adler, Bild der frei fliegenden Gedanken. Er trägt die Gedanken der Götter zu den Menschen. Der Lebensbaum reicht oben in die Sphäre der Sterne und Planeten, an den Himmel, steht vermittelnd zwischen Oben und Unten, ist tief in der Erde verwurzelt und reicht bis in die Unterwelt. Drei weise weibliche Wesen arbeiten mit den Menschen an ihrem Schicksal und sprechen mit dem Adler, der die Gedanken der Menschen zurück zu den Göttern trägt. Bild: Cornelia Haendler. Als Kunstdruck und Postkarte im Waldow Verlag.

Auslöser von ALLEM, was uns geschieht, sind unsere Gedanken. 

Vereinfacht dargestellt kann man sagen: An den Gedanken schließt sich das Gefühl an, daran die hormonelle Reaktion des Körpers und daran die Handlung. Deshalb ist die Gedankenkontrolle durch das wache Ich der entscheidende Ausgangspunkt dafür, dass wir unser Leben selbstbestimmt führen und nicht unterbewusst geführt werden. Jeder Erwachsene kann selbst einschätzen, wieviel Prozent seiner Handlungen aus der wachen Führung seiner Selbst erstehen und wieviel Prozent durch halbbewusste Reaktionen. Letztere werden besonders durch Stress hervorgerufen. Stress ist die Überforderung des Alltags-Ichs, das sich durch Ausweichen, Verdrängen, Bequemlichkeit, Flucht in die Arbeit, in Rauchen oder Trinken, in übermäßiges Essen oder Fernsehen oder durch Schuldzuweisungen an andere Menschen, an die Umstände oder ans Finanzamt wehren will. Dabei meint es es durchaus gut mit uns, denn es möchte uns vor Gefahr beschützen!

Der Prozentsatz dessen, was wir dem Drachen überlassen und was dem Engel, ist bei jedem verschieden – fertig mit dem Kampf aber ist niemand. Es geht weiter, immer eine Stufe höher. Ganz oben steht „Michael“, das Bild unserer höheren Möglichkeiten, um uns zu beglückwünschen, dass wir aufwärtsstreben. Und „er“ braucht uns! Das höhere Bewusstsein kann nicht in die Freiheit des Menschen eingreifen, kann uns heutzutage keine Kraft und keine Ideen senden, wenn wir sie nicht in Selbstverantwortung abrufen, wenn wir uns nicht nach oben wenden. Nach oben – zu unserem eigenen höheren Selbst.

Immer mehr Menschen fühlen oder wissen heutzutage, dass die Entwicklung des Bewusstseins sich beschleunigt. Die Ansprüche, die Aufgaben, die uns durch Umweltverschmutzung und Inweltverschmutzung heute gestellt werden, sind gewachsen und wachsen weiter – das lesen wir am Zeitgeschehen ab. Aber wo viel Schatten ist, muss auch viel Licht sein. Und es ist da, abrufbar. In diesem Sinne kann das Michaelsfest zu einem Tag werden, der dem Erwachsenen den Ernst des Kampfes um das Bewusstsein und das Licht des Schwertes der Gedanken ganz besonders nahe bringt, als Wegzehrung für den hellen Weg der nächsten 364 Tage.

Dieses sind „Festgedanken“ aus christlicher und jüdischer Tradition. Aber sie finden sich in ähnlichen oder anderen Bildern ebenso im Islam und im Buddhismus, in jedem alten oder neuen Gedankensystem, das sich dem Geistigen zuwendet.

Totengedenken – Gleichheit 

Das Fest Allerseelen – 2. November – oder der Totensonntag im Evangelischen (letzter Sonntag vor Advent) macht uns deutlich, dass wir an einem Punkt unwidersprechbar gleich sind: Wir werden sterben. Ganz sicher.

Eine schöne Möglichkeit, dieses Fest zu begehen ist, allerdings nicht mit Kindern, sondern für uns Erwachsene, sich den Augenblick des eigenen Todes vorzustellen, sich dort wirklich hineinzufühlen und sich zu fragen: Was möchte ich bis zu diesem Augenblick erreicht haben – physisch, seelisch und geistig? Was würde ich bedauern, nicht getan zu haben?

Von dieser Vorstellung geht eine sehr starke Kraft aus, die das augenblickliche Leben impulsiert! Eine Übung, die sich nicht auf das Totenfest beschränken muss.

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Martini – Fest der Menschlichkeit 

Das Martinsfest – 11. November – steht mit seinem schönen Motiv des Mantelteilens für die Brüderlichkeit, die Schwesterlichkeit, die Menschlichkeit. Dieses Herbstfest ruft uns zu: Wer auch immer friert und hungert, physisch, seelisch oder geistig, mit dem teilen wir unsere Aufmerksamkeit, unsere Wärme und unsere Zuneigung. Das Laternelaufen an diesem Tag bringt das Licht der Menschlichkeit in das Dunkel der Spätherbstes.

Viel Freude beim Kämpfen, Sterben und Auferstehen im Denken und Fühlen!

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